Der Hals der Giraffe

Anpassung ist alles, weiß Inge Lomark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern - in der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an Kindern. Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nur Sträuße, ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat nicht vor, Kinder in die Welt zu setzen. Alle verweigern sich dem Lauf der Natur, den Inge Lohmark tagtäglich im Unterricht beschwört. Als sie Gefühle für eine Schülerin der 9. Klasse entwickelt, die über die übliche Hassliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Mit immer absonderlichen Einfälle versucht sie zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

(Klappentext)

 

Vieles an Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" ist ungewöhnlich. Was einem als erstes auffällt, wenn man das Buch zur Hand nimmt, ist ein schlichter grauer grober Leineneinband, der verdächtig an ein naturwissenschaftliches Lehrbuch der 60er-Jahre erinnert. Auf dem Cover ist ein kopfloses Giraffenskelett eingeprägt. Nach einigen Seite Lektüre trifft man auf die erste Illustration - auch wie aus einem Lehrbuch. Schließlich ziehen sich durch das ganze Buch hindurch diese Illustrationen von Raupe, Pantoffeltierchen, Fruchtfliege, Quallen, Schnabeltier, ein Kreuzungsschema von zwei Rinderrassen etc.

Die Hauptperson, Inge Lohmar, ist eine auf den ersten Blick eher unsympatische, eckige Figur: zynisch, sarkastisch und kalt als Lehrerin und Kollegin, eine Lehrperson, die einen womöglich an die schlimmsten Lehrerpersönlichkeiten der eigenen Schulzeit erinnert. Sie unterrichtet Sport und Biologie, und die Naturwissenschaften haben auch ihr Weltbild geformt. Sie sieht sich umgeben von geistig minderbemittelten Schülern, denen sie mit Sarkasmus und Unverständnis gegenübertritt, und inkompetenten Kollegen, deren schlimmste Eigenschaft für sie eine "falsche Kumpanei" mit den Schülern darstellt.

Eine bemitleidenswerte Frau, verbittert, hart, deren Verachtung für ihre Mitmenschen permanent als steter Strom ihrer Gedanken ausgedrückt parallel zu einer eher kargen Handlung mitlaufen.

Beim Lesen stellt sich langsam so etwas wie Mitleid ein: Es treten Risse auf in Inge Lohmarks Weltbild. Wir erfahren von einer Tochter, die weit weg in den USA lebt, die aber kaum mit ihrer Mutter in Verbindung tritt. Wir lesen von Inges Mann, der in dem Buch selbst kein einziges Mal in Erscheinung tritt, ihr Verhältnis bleibt unbesprochen, unbeschrieben, ein weiteres Indiz ihrer Beziehungslosigkeit, ihrer Beziehungsunfähigkeit.

 

Im Untertitel des Buches steht "Bildungsroman" - das ist wohl ironisch gemeint. Eine Entwicklung im eigentlichen Sinn macht die Hauptfigur nicht durch: Inge Lohmark ist eine Frau, die am Ende ihrer "Schulzeit" (ihre Schule wird wegen sinkender Schülerzahlen zusperren) ist und die mit ihrem vorgeformten und fest verankerten Weltbild den Wandel der Zeit, die Veränderungen der Schule nicht wahrnehmen kann.

 

 

Zur Autorin

Judith Schalanksy (geboren 1980 in Greifswald) ist eine deutsche Schriftstellerin und Buchgestalterin. Sie studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und unterrichtete nach Abschluss ihres Studiums Typografische Grundlagen an der FH Potsdam.

Schalansky begann ihre schriftstellerische Tätigkeit mit dem typografischen Kompendium Fraktur mon Amour. Inzwischen ist sie mehr im belletristischen Bereich tätig, gestaltet aber ihre Bücher, die ihr regelmäßig Designpreise einbringen, nach wie vor selbst. So wurde sie für ihren Atlas der abgelegenen Inseln unter anderem mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. 2008 legte sie ihr literarisches Debüt mit Blau steht dir nicht vor. Ihr bislang letztes Werk ist Der Hals der Giraffe (2011).

Judith Schalansky lebt in Berlin.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Schalansky